Thorsten Nagelschmidt: Zwischen Manie und Melancholie – Ein Rauschzustand mit prallgefüllten Tagebüchern

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Die angenehmsten Interviews sind die, wenn sich sofort ein Gespräch entwickelt, das über zwei Stunden geht, ohne dass man überhaupt eine Frage stellen muss. (Über das aufwendige Abtippen danach macht man sich erst mal keine Gedanken.) Wenn in dieser entspannten Stimmung auch noch ein oder zwei Piccolo gereicht werden, dann strahlt das Schleckermäulchen-Herz und die Zeit vergeht wie im Fluge. So zuletzt geschehen an einem Samstagnachmittag im Januar 2020. Ich sitze mit dem Musiker und Schriftsteller Thorsten Nagelschmidt (Muff Potter) in der Espresso-Bar im Karstadt am Hermannplatz. Wir reden über Verzicht, Kohlsuppendiäten, Alkohol- und Essgenuss trotz eingeschränktem Geruchs- und Geschmackssinn.

Es sind prallgefüllte Erinnerungen und Tagebuchaufzeichnungen, die Thorsten in seinem letzten Roman „Der Abfall der Herzen“ (2018) verarbeitet hat. Natürlich reden wir auch über sein neues Werk „Arbeit“ (VÖ am 29. April 2020). Hier recherchierte er intensiv in verschiedenen Milieus und begegnet Menschen, die er unter normalen Umständen sehr wahrscheinlich nie kennengelernt hätte. Die unglaubliche Leistung, Verantwortung und gleichzeitig skandalöse Unterbezahlung systemrelevanter Berufsgruppen, wie zum Beispiel Notfallsanitäter, lernte er schon vor Corona schätzen. Thorsten erzählt dabei auch von seinen eigenen Schwächen. Stichwort: Aggressivität im Straßenverkehr. Aber auch die große Überwindung, die es ihn kostet, wenn er zum Beispiel fremde Menschen anquatschen muss.

Und das musste er für seine Recherchen zum neuen Buch. Aber am Ende sind es die Aufzeichnungen, die Gespräche und Begegnungen, die sein Leben bereichern. Da lohnt sich das stundenlange Transkribieren der Interviews. Er saugt die Wahrheiten und Informationen förmlich zwischen den Zeilen auf.

Zum Prosecco wurden Salzstangen gereicht und damit geht es auch schon los. Die erste Frage wird mir allerdings gestellt…

Thorsten: Ich habe mal kurz eine Frage, sonst vergesse ich das wieder. Wenn einem schlecht oder übel ist, isst man dann Salzstangen?

Vor allem trinkt man dann keinen Alkohol. Salzstangen und Cola, die Kombination kenne ich.

Thorsten: Ja, genau.

Ich glaube, Salz und Zucker soll damit dem Körper wieder zugeführt werden oder so.

Thorsten: Wobei genau? Bei Magenverstimmung oder Übelkeit, also, wenn man Kotzen muss?

Eigentlich bei Durchfall, oder?

Thorsten: Bei Durchfall? Ich bin da gerade noch über eine Szene gestolpert. Ich überarbeite nämlich gerade schon wieder mein neues Buch („Arbeit“). Das erscheint Ende April und ich müsste eigentlich nur Korrekturen durchgeben, aber bei der Gelegenheit prüfe ich noch mal solche Fakten. Mein Lektor rollt dabei mit den Augen, weil ich über die Hälfte wieder ändern will, aber da muss er halt durch. Es gibt eine Stelle, da mümmelt eine Frau, der schlecht ist, an Salzstangen und wo ich die hier gerade sehe, frage ich mich, ob das überhaupt korrekt ist.

Zwieback isst man auch bei Magen-Darm. Aber es gibt ja viele Mythen, die sich dann als falsch herausstellen. Sollte man besser noch mal recherchieren. Ernährungsberater sagen da wahrscheinlich auch was anderes…

Thorsten: Wahrscheinlich schon.

Und machst du das bei all deinen Büchern, also so genau noch mal nachlesen?

Thorsten: Ich bin ein sehr akribischer, immer wieder Neu-Überarbeiter. Das war schon immer so. Eigentlich ist das Buch längst fertig geschrieben, aber dann lasse ich es liegen und überarbeite es wieder, lasse es liegen usw. Bei „Arbeit“ gab es jetzt in zwei Kapiteln logische Fehler oder Anschlussfehler. Aber auch schlechte Formulierungen und unschöne Sätze, wo ich mir denke, welcher Legastheniker hat das denn verfasst? Schlechte Vergleiche, Wortwiederholungen. Die Formulierung „wie in Zeitlupe“ kam zum Beispiel gleich viermal vor. Da ist einmal vielleicht schon zu viel, aber viermal? Das geht halt gar nicht.

Wenn du dich mit dem Korrekturlesen so auseinandersetzt, kann es dann auch passieren, dass du ein ganzes Kapitel neu schreibst? Beim Songwriting gibt es ja auch die Gefahr, dass man immer wieder etwas neu aufnimmt, hier noch ein Instrument, da noch einen Effekt…

Thorsten: Das ist gefährlich, ja, da kann man sich auch verzetteln, aber ich vertraue mir da auch. Ich weiß schon, dass es Hand und Fuß hat, wenn mich etwas stört. Klar, man kann Sachen auch neu schreiben.

Für den Lektor ist das die Hölle, oder?

Thorsten: Da muss einiges neu gesetzt werden. Das tut mir auch leid, aber solange das Buch noch nicht draußen ist? Ich fühle mich auch nicht wohl in dieser Rolle. Ich nerve nicht gerne andere Leute. Ich habe vor ein paar Wochen mit meinem Lektor über ein anderes Buch geredet, das er betreut. Ein Debüt und da meinte er, dass es da auch noch viele Änderungen gab, weil bei Debütanten noch nicht die Souveränität vorhanden ist und sie kurz vorm Erscheinungstermin oft kalte Füße bekommen. Seiner Erfahrung nach wird das mit der Zeit dann aber auch immer weniger, naja (lacht).

Auf den Geschmack und die Arbeit. Prost!

Dann gibt es noch Hoffnung. Auf die Korrekturen. Prost! (Zum Glück haben wir den Prosecco und können endlich anstoßen). Schmeckt gut. Apropos. Schmeckst du jetzt überhaupt was?

Thorsten: Wahrscheinlich nicht. Ich würde allerdings sagen, Ja, denn ich kenne es nicht anders. Aber wenn du schmecken würdest, was ich gerade schmecke, dann würdest du wahrscheinlich vor Traurigkeit umfallen, weil alles so fad ist.

Das ist aber noch nicht immer so?

Thorsten: Doch, zum Glück schon. Ich beschäftige mich mit dem Thema schon länger. Den Geruchssinn plötzlich zu verlieren, das gibt es ja auch. Leute, die einen Unfall hatten oder auf den Kopf gefallen sind. Darüber gibt es ein Buch von Walter Kohl. Ich habe erst nach 50 Seiten festgestellt, dass das nicht der Sohn von Helmut Kohl ist. Dieser Walter hat ein Buch geschrieben über den Verlust seines Geruchssinns und das ist ganz schrecklich. (Wie riecht Leben? Bericht aus einer Welt ohne Gerüche. Walter Kohl) Das Leben macht keinen Sinn mehr. Alles ist fad, alles ist grau, sozusagen. Er schmeckt nicht mehr, er riecht nicht mehr. Nichts macht ihm Freude. Die Sinne sind wie abgestorben und ich glaube, er war auch suizidal, aber vielleicht interpretiere ich das jetzt auch nur rein. Auf jeden Fall war das sehr schlimm. Und das habe ich zum Glück nicht, weil ich offenbar noch nie riechen konnte.

Gar nichts?

Thorsten: Nein, nichts. Also, manchmal merke ich etwas, zum Beispiel an der Tankstelle. Aber das hat, glaube ich, nichts mit riechen zu tun. Es gibt da diesen Sketch von Jürgen von der Lippe: „Es ist nicht so sehr der Geruch, sondern mehr das Brennen in den Augen.“ Ich glaube, es ist irgendwie sowas. Komischerweise ist es nie jemandem aufgefallen, dass ich nicht riechen konnte. Also, mir auch nicht. Ich habe das erst als Teenager festgestellt oder als ich meine erste Band hatte und wir in den Proberaum kamen und alle sagten, „Puh, stinkt das hier“.

Da waren deine Eltern wahrscheinlich auch glücklich, dass du immer alles aufgegessen hast. Wobei man ja eher mit dem Auge isst, als mit der Nase.

Thorsten: Ich glaube, wenn Leute etwas nicht mögen, dann hat das nicht so viel mit Geschmack zu tun. Eher mit Konsistenz, wenn Leute zum Beispiel keine Pilze essen. Ich bin da relativ anspruchslos und esse eigentlich so gut wie alles. Es gibt schon Sachen, die ich nicht so gerne mag, wie zum Beispiel Rosenkohl. Dieses Bittere mag ich nicht so. Ich trinke auch kein Bier.

Ach so, bitter schmeckst du dann schon?

Thorsten: Es gibt ja Sachen, die über die Zunge wahrgenommen werden. Bitter, süß, scharf, salzig und würzig (Umami). Ich esse gerne würzig, salzig und scharf. Ich esse auch gerne fettig, weil das ja auch ein Geschmacksverstärker ist. Ich mag schon gerne mächtiges Essen. Italienisch, Pasta mit reichlich Soße, Pizza, Käse, Brot, Oliven und Kapern. Eigentlich dürfte ich auch nicht den Unterschied zwischen Himbeer- und Erdbeermarmelade schmecken, aber ich bilde mir ein, dass ich das kann.

Das ist sehr interessant.

Thorsten: Ich weiß aber zum Beispiel nicht, wie Rosmarin schmeckt oder Oregano.

Aber du gehst schon gerne Essen? Und nicht nur in eine Fastfoodkette?

Thorsten: Klar, teure Essen sind für mich eher Verschwendung, aber ich bevorzuge gutes Essen. Ist ja auch gesünder und beim Essen spielt auch das Ambiente mit. Ich persönlich gehe lieber in ein gutes Restaurant. Bei deiner Interviewanfrage hatte ich erst Bedenken, weil ich für mich oder andere nicht wirklich koche. Es gibt schon so ein paar Standards, die ich für meine Freundin und mich mache, sowas wie Grünkohleintopf oder so. Aber ich würde niemals Leute einladen und für die kochen.

Auf der anderen Seite kämen dabei vielleicht neue Kreationen heraus? Eine Art Überraschungs-Menü…

Thorsten: Es ist ja nicht so, dass dabei nur Unsinn rauskommt. Aber ich würze halt nur mit Salz und Pfeffer und manchmal Chili.

Reicht doch. Schmeckst du, wenn es versalzen ist?

Thorsten: Ja, das auf jeden Fall.

Bist du schon mal jemandem begegnet, der auch einen eingeschränkten Geschmackssinn hat?

Thorsten: Gute Frage, ja, warte mal. Mein Bruder sagt zum Beispiel auch, dass er einen sehr schlechten Geruchssinn hat. Aber der ist nicht komplett weg. In meinem Roman „Was kostet die Welt“ geht es um so einen Kultur-Clash. Da lebt der Protagonist in Berlin und kommt an die Mosel, der Clash sollte auf allen Sinnesebenen stattfinden, eben auch beim Geruch. Er ist völlig irritiert, weil es dort ganz anders riecht und er als Städter das so gar nicht kennt. Damals hatte ich Brami, den Muff Potter Schlagzeuger, mit an der Mosel für ein Wochenende. Ich hatte schon viel recherchiert und auch geschrieben, aber brauchte noch die Gerüche und habe ihn quasi als Scout mitgenommen. Wir sind dann mit dem Auto überall hingefahren und er sollte riechen. Irgendwann hat er mir dann gesagt, dass er übrigens überhaupt nicht so gut riechen kann.

Na toll, …

Thorsten: Aber immer noch besser als ich, und ein paar Formulierungen, die er mir damals gegeben hat, sind auch in dem Buch gelandet. Bei meinem neuen Roman „Arbeit“ geht es auch um Gerüche und Essen.

Wenn du abends in die vollgequalmten Kneipen gehst, dann riechst du am nächsten Morgen nicht deine muffeligen Klamotten?

Thorsten: Nee, das rieche ich nicht. Ich muss mir dann merken, was ich an dem Abend getragen habe oder lass meine Freundin daran riechen. Die dann aber auch sagt: „Danke, du musst mir deine Hemden aus der Raucherkneipe nicht mehr unter die Nase halten“…
Ich habe übrigens noch nie in meinem Leben Deo benutzt und angeblich stinke ich nicht. Vielleicht auch deswegen, weil ich es noch nie benutzt habe und meine Haut nicht versaut ist.

Ehrlich? Aber Duschgel oder Seife benutzt du schon?

Thorsten: Ja, das schon (lacht). Natürlich aber auch kein Special-Aroma, bei dem mir der Geruch gut gefällt. Da verlässt man sich aber natürlich auch auf die Freunde, die Freundin, die Menschen, die einem nahe stehen.

Die sagen dir dann auch, wenn der Duft nicht ganz stimmt. Das ist ein großer Vertrauensbeweis.

Thorsten: Genau. Angeblich rieche ich aber wohl nie so wirklich stark, zumindest wurde mir das in meinem Leben selten attestiert gesagt, und das beruhigt mich natürlich. Das wäre sehr ärgerlich und unangenehm für mich, wenn ich ständig das Gefühl hätte nach Hause zu müssen, um zu duschen, weil ich eventuell stark rieche. Vielleicht kann es einem auch Latte sein und man sollte denken, dann geh halt weg.

Da muss ich auch immer an die obdachlosen Menschen denken, die ja leider oft keine Möglichkeit haben sich zu waschen und das ist ein großes Problem für viele von ihnen. Das mag ja niemand, wenn man merkt, da geht jemand auf Abstand oder wendet sich mit rümpfender Nase von dir weg.

Thorsten: Ich habe gestern „Parasite“ gesehen. Da gibt es doch diese Szene mit dem Chauffeur, wo der Chef auch eine Bemerkung über seinen Geruch macht und er danach sehr gekränkt ist. Das war eine sehr starke Szene, wie er dann im Auto an sich selbst riecht und man ihm ansieht, wie sehr er sich schämt. Ein starker Film.

Super Film, ich hoffe, er bekommt alle Oscars. (Der Film aus Südkorea von Regisseur Bong Joon Ho gewann insgesamt vier Oscars, u.a. als „Bester Film“). Ich finde das Thema wirklich sehr interessant. Wenn dein Bruder auch eher nicht gut riechen kann, vielleicht ja noch mehr in deiner Familie? Oma, Opa, hast du da auch mal recherchiert?

Thorsten: Vererbt ist es nicht. Vor ein paar Jahren habe ich noch mal einen Versuch gestartet mehr darüber rauszufinden. Ich hatte das schon mal vor ca. 15 Jahren gemacht. Diesmal war ich in der Charité und die haben dort festgestellt, dass mein Bulbus Olfactorius (Riechkolben, an der vorderen Basis des Gehirns und ein Teil der Riechbahn) nicht vorhanden ist. Da gibt es auch keine Therapie und deshalb kann man da gar nichts machen. Auf eine Art war diese Diagnose beruhigend, somit ist das endlich abgehakt. Und gleichzeitig, je älter ich werde, umso mehr stört es mich und wird mir als klare Behinderung bewusst. Ich habe schon das Gefühl, dass ich dadurch schlechter abschalten oder auch weniger genießen kann. Mein Erinnerungsvermögen ist dadurch vielleicht auch beeinträchtigt, weil mir die ganzen unbewussten Assoziationsketten fehlen. Ich habe ein schlechtes Gedächtnis und ich glaube schon, dass es was damit zu tun hat. Generell ist dieses Phänomen, nicht riechen können, kein großes Thema in der Gesellschaft. Es gibt noch nicht mal ein Adjektiv dafür. Jemand ist stumm oder taub. Aber nicht riechen zu können scheint so eine Anomalität, dass es kein Adjektiv verdient.

Man muss sich riechen können, heißt es ja.

Thorsten: Deshalb mag ich alle Menschen. (grins)

Glaube ich dir nicht, aber ja, vielleicht hat man mit eingeschränktem Geruchssinn eher eine positive Haltung zu den Menschen?

Thorsten: Stell dir mal vor, du kannst nicht riechen und irgendwann, doch wieder und dann merkst du, was dir alles nicht gefällt. Dein Partner stinkt wie Sau oder du magst einfach seinen Geruch nicht.

Und dein komplettes Umfeld magst du plötzlich nicht mehr, weil es komisch riecht. Da hast du gleich ein neues Thema für dein nächstes Buch.

Thorsten: Stimmt, gute Idee.

Vielleicht gibt es das wirklich? Menschen, die jahrelang nichts riechen konnten und plötzlich ist der Geruch wieder da?! Würde ich sofort lesen. Ich finde das Thema passt sehr gut zum Schleckermäulchen.

Thorsten: Mit deinem Thema Essen und Musik kommt man ja auch von Höcksken auf Stöcksken (so sagt man im Rhein-Ruhr Gebiet zu „Vom Hölzchen aufs Stöckchen“).

Genau. Oft kommen auch lustige Sachen dabei heraus, wie zum Beispiel bei Andreas Dorau. Er hat so gar kein Faible fürs Essen bzw. kochen.

Thorsten: Es gab mal ein Hardcore-Fanzine in Münster, Three Chords“. In der Rubrik „Kochen mit Hansa“ oder so ähnlich, ging es darum, dass man von dem Pfand einer Kiste Hansa Pils was Schönes kochen sollte. Da gab es dann auch mal ein Interview mit Markus Haas vom Labels Per Koro, bei dem übrigens auch die erste Muff Potter LP erschien. Das Interview war großes Entertainment. Ich habe noch nie jemanden so über Essen, Essenszubereitung und Nahrung an sich abledern hören. Er sieht darin überhaupt keinen Sinn. Er isst nur Sachen, die er mit seinem Löffel aus einem Napf schaufeln kann. Möglichst schnell und billig zubereitet, weil er keine Lust hat, seine Zeit damit zu verschwenden. Er will alles so schnell wie möglich in sich reinschlingen, damit er schnell was anderes machen kann. Ich war damals mit meiner Band Blood Robots unterwegs. Wir lagen auf dem Boden, als ich das laut vorgelesen habe. Der Typ ist Veganer und Straight Edge. Das ist so eine Feier der Freudlosigkeit, die ich persönlich gar nicht nachvollziehen kann, aber in ihrer Konsequenz wahnsinnig beeindruckend finde und vor allem sehr amüsant.

Das Interview würde ich sehr gerne mal lesen. Hast du das noch?

Thorsten: Das schreibe ich mir mal auf. Würde ich auch gerne noch mal lesen.

Dann lade ich den auch mal zum Interview ein. Du zelebrierst also trotz deinen „Einschränkungen“ das Essen.

Thorsten: Ich liebe den Vorgang des Essens einfach sehr. Ich bin eher südländisch orientiert in meinem Essverhalten und sitze gerne stundenlang am Tisch. Ich mag es, wenn vor mir viele Schälchen mit verschiedenen Sachen stehen. Und hier noch ein Stück Käse und da etwas Brot. Mit Rotwein runterspülen und noch einen Schnaps hinterher. Und irgendwann dann doch noch mal anfangen. Ich esse mich gerne richtig satt, wo manche Leute sagen: „Boah, ekelhaft, ich habe mich überfressen“, denke ich nur so: „Was für ein herrliches Gefühl, soviel gegessen zu haben.“

Finde ich sehr angenehm. Wo steckst du das denn hin?

Thorsten: Ich habe in den letzten zwei Jahren schon zugenommen…

Aber lieber essen und genießen, als immer auf die Figur zu achten und dabei ständig etwas zu vermissen?!

Thorsten: Ja, ich bin da auch etwas zwiegespalten. Es gibt einen Satz aus einem Heinz Strunk Roman, der mir irgendwann mal hängengeblieben ist: „Nichts schmeckt so gut, wie Dünnheit sich anfühlt.“ (aus dem Buch: Die Zunge Europas). Das ist schon ein starker Aphorismus, aber ich glaube, dass das nicht stimmt.

Hast du denn schon mal eine Diät gemacht?

Thorsten. Das ist lange her. Mein damaliger Mitbewohner in Münster hat in dieser Zeit regelmäßig Kohlsuppen-Diäten gemacht. Die berühmte Jo-Jo-Effekt Diät. Ich glaube, die wird vor Operationen bei stark übergewichtigen Menschen durchgeführt, die ganz schnell sehr viel abnehmen müssen. Je mehr du dir von dieser Kohlpampe reinschaufelst, umso mehr nimmst du ab. Ich habe das dann auch mal mitgemacht, kam mir radikal aufregend vor. Man darf natürlich auch keinen Alkohol trinken, aber ich trinke schon unheimlich gerne und viel. Das fiel mir dann doppelt schwer. Ich kann mir ein Leben ohne Alkohol gar nicht vorstellen.

Jetzt zum Genießen, also zum Essen oder abends auch mal ordentlich wegballern? Oder hat man das mittlerweile schon besser unter Kontrolle?

Thorsten: Also, so richtig dumm wegballern eigentlich nicht mehr, wobei das auch noch vorkommen kann. Der Reiz lässt nach, also was das Party machen und Ausgehen angeht. Ist jetzt nicht mehr so aufregend, aber es ist schon viel Schönheit im Betrunkensein. Bei dieser Kohlsuppendiät durfte man nicht trinken und das war dann auch irgendwie so ein Rausch. Ich musste zweimal meinen Führerschein abgeben und einmal MPU machen. Das waren Phasen, in denen ich mal länger nichts getrunken hatte. Es funktioniert für mich dann eigentlich auch gut, weil ich mir das als eine Art Rausch deute, also die Aufregung mal nichts zu trinken – die Nüchternheit ist sozusagen der Rausch. Ich musste mir das so umdeuten, um es dann auch durchziehen zu können.

Viele Menschen fasten auch und erzählen dann von einer Art Rausch.

Thorsten: Genau.

Aber dann macht man das ein, zwei Wochen und frisst oder trinkt sich wieder voll.

Thorsten: Ja, wahrscheinlich. Ich persönlich gehe schon ins Fitnessstudio, aber was mir tatsächlich schwer fällt ist der Verzicht. Verzichten zu müssen, damit kann ich mich eigentlich nicht abfinden und wenn dann nur zähneknirschend. Um auf den Satz von Heinz Strunk zurückzukommen, es fühlt sich wahrscheinlich wirklich toll an, ganz schlank zu sein und begehrt zu werden, aber ich weiß nicht, ob der Verzicht das ausgleicht.

Ich finde das mit dem Verzicht schwierig. Habe ich auch alles versucht, keinen Zucker, keine Kohlenhydrate, kein Alkohol. Aber dann denke ich mir auch, dann verzichtet man auf diese leckeren Sachen, eine Woche, einen Monat und dann gehst du morgens über die Straße und wirst vom Auto überfahren, also mal extrem gedacht…

Thorsten: Genau das habe ich auch gerade gedacht. Das ist interessant, dass du das auch so siehst. Man hat die fünf Kilo geschafft, geht vor die Tür und wird vom Bus überfahren.

Alles umsonst. Nicht umsonst sind wahrscheinlich die zahlreichen Recherchen für deine Bücher. In deinem neuen Roman „Arbeit“ blickst du intensiv hinter die Kulissen des Berliner Nachtlebens. Du betrachtest die Menschen näher, die alles am Laufen halten. Notärzte, Polizisten, Barkeeper und auch die Drogen-Dealer.

Thorsten: Ich habe sehr viele Interviews durchgeführt und sehr viel Recherche betrieben. Und das auch schon vor Jahren.

Kurze Ablenkung durch jemanden, der draußen vor dem Schaufenster steht und unrhythmische Bewegungen macht.

Thorsten: Der hört bestimmt gute Musik.

Lieblingsbar am Hermannplatz. Bester Ort für Glotz-Yoga und schöne Gespräche.

Hast du auch manchmal den Eindruck, dass es immer mehr…

Thorsten: Verrückte gibt?

Genau. Ist das ein Berliner Phänomen?

Thorsten: Ich denke nicht. Hier fällt es ja noch nicht mal so sehr auf. In kleineren Städten mehr, weil die da richtig rausstechen, sozusagen. Wenn man irgendwie verrückt sein will, dann ist Berlin dafür die richtige Stadt. Du hast natürlich recht, dass man den Eindruck bekommt, hier wird es immer krasser…

Und auch aggressiver, meine ich…

Thorsten: Ja, das sehe ich auch so. Merkt man schon im Straßenverkehr. Autofahrer, Fahrradfahrer, ich bin auch ultra aggressiv als Fahrradfahrer. Ich lege mich oft mit Leuten an und bin kurz vor Schlägereien. Ich habe auch schon in ein Auto gerotzt, weil die so ätzend waren und wurde dann von denen verfolgt.

Echt? Puh.

Thorsten: Danach habe ich auch gedacht, ich muss das mal unter Kontrolle bekommen. Das ist zu gefährlich, das geht so nicht, aber ich war so aufgebracht. Lag aber auch daran, dass ich vor dieser Begegnung einen Autounfall in den USA hatte und es ein kleines Wunder war, dass dabei keiner gestorben ist. Danach war ich monatelang so dünnhäutig und traumatisiert, dass ich mich eben ein paar Mal im Straßenverkehr richtig mit Leuten angelegt habe. Aber nach dieser Verfolgungsjagd dachte ich mir dann eben auch, so geht das nicht weiter.

Wie kam es zu dieser Verfolgung?

Thorsten: Das waren so Prolls, die es lustig finden ganz nah an Fahrradfahrer ranzufahren und zu hupen. Das beobachtet man ja schon mal häufiger. An diesem Tag haben die das mit meinen Freunden gemacht, die vor mir fuhren und dann habe ich aus einem Reflex heraus in deren Karre gerotzt. Der Wagen hat sofort angehalten und die sind hinter mir her.

Schlimm, also diese Leute, die sowas provozieren. Ich bin da immer hin und hergerissen und motze oft zurück. Eigentlich muss man was sagen, aber dann kann es natürlich auch nach hinten losgehen.

Thorsten: Ich habe den Standpunkt, dass man solche Leute in ihre Schranken weisen muss. Ich komme aus einem kleinen Nest, aus Rheine, wo damals die Bundeswehr einer der größten Arbeitgeber war und das war schon sehr prollig da. Das Klima aggressiv und ich war immer der Meinung, dass man sich von diesen Prolls nichts gefallen lassen darf. Dass die erzogen werden und spüren müssen, wenn sie zu weit gegangen sind. Und an diesem Standpunkt halte ich auch heute noch fest.

Das ist bestimmt eine Frage der Erziehung. Immer schön zu Hause bemuttern und bedienen lassen, um danach draußen die Sau rauszulassen. Viele können sich ja noch nicht mal selber was kochen. Gibt es tatsächlich auch in meinem näheren Umfeld. Denen entgeht was, finde ich. Und schon sind wir elegant wieder beim Thema Essen.

Thorsten: Dazu fällt mir ein, dass ich schon sehr früh angefangen habe meine eigenen Mahlzeiten zu kochen, weil mir das irgendwie als Heranwachsender Spaß gemacht hat. Ich bin mit 14 oder 15 schon Vegetarier geworden. Meine Mutter hat generell nicht gerne gekocht und wollte nicht auch noch extra für mich kochen. So habe ich mir meine eigenen Sachen eingekauft und zubereitet und das fand ich auch gut.

Ich finde es schon wichtig, dass man sich selbst etwas kochen kann… Zurück zum Thema Recherche. Dein letzter Roman „Der Abfall der Herzen“ (2018) ist prallgefüllt mit Erinnerungen, sozusagen eine Reise in die Vergangenheit. Der Inhalt basiert auf deinen Tagebüchern. Hast du sie schon mal gezählt?

Thorsten: Ich nummeriere die und sie stehen bei mir sortiert in einem Regal.

Im Prinzip für jeden griffbereit?!

Thorsten: Ja.

Gar keine Angst, die könnte jemand mal lesen?

Thorsten: Im Zuge meiner Recherche zu „Der Abfall der Herzen“ habe ich ja mitbekommen, dass meine Tagebücher gelesen wurden.

Genau, darauf wollte ich hinaus. Es ist dir schon mal passiert.

Thorsten: Ich finde aber, das ist eigentlich deren Problem, also von denen, die es gelesen haben. Es ist für die härter als für mich. Die müssen damit leben, weil sie die Grenze überschritten haben. Ich möchte mir da gar keine Gedanken machen. Ich habe übrigens Buch Nummer 176 jetzt angefangen.

Du schreibst immer noch regelmäßig Tagebuch?

Thorsten: Ja, jeden Tag.

Wie lange dauert es, bis so eine Kladde voll ist?

Thorsten: Das kommt darauf an, aber so im Schnitt fünf bis sechs Wochen. Mein Rekord war, glaube ich, drei Wochen, aber da war ich schon sehr manisch beim Schreiben.

Schon mal daran gedacht, die Tagbücher zu veröffentlichen?

Thorsten: Nein. Ich sehe die Bücher nicht als Materialsammlung oder als irgendwie wertvoll an. Das war für die Recherche von „Der Abfall der Herzen“ eine einmalige Sache, weil ich da die Bücher aus dem Sommer 1999 brauchte, um meine Erinnerungen zu sammeln und abzugleichen. Das Tagebuchschreiben ist wirklich nur für mich, um Druck abzulassen. Das hat sprachlich oder inhaltlich nicht ansatzweise einen literarischen Wert. Es geht mir dabei nicht ums Festhalten, sondern ums Loswerden.

Also ist das Tagebuchschreiben unabhängig von deinem Schreiben an Romanen?

Thorsten: Es gibt ja dieses Klischee vom einsamen Schriftsteller am Schreibtisch. Dieser Geniekult, der irgendwie hierzulande noch sehr verbreitet ist. Das trifft für mich überhaupt nicht zu. Ich muss immer rausgehen, mir Dinge angucken, mit Leuten reden. Ich muss beobachten, um überhaupt das Gefühl zu haben, dass ich es mir erlauben kann, über bestimmte Dinge zu schreiben. Man muss das nicht tun, man hat ja auch genug Fantasie, aber das macht mir nicht so viel Spaß. Für mein neues Buch habe ich mit Leuten gesprochen, mit denen ich sonst teilweise nie in Kontakt gekommen wäre. Sanitäter, Ärzte, Polizisten, Dealer. Die haben mir alle sehr spannende Sachen erzählt, auf die ich selbst nie gekommen wäre. Ich habe einen Monat in einem Hostel gearbeitet, Nachtschichten gekloppt und dadurch sehr viele interessante Leute getroffen, mit denen mich sonst eigentlich gar nichts verbindet. Abgesehen davon, dass am Ende dabei hoffentlich ein gutes Buch rauskommt, empfinde ich diese Begegnungen und Erfahrungen als wahnsinnige Bereicherung für mein Leben. Auch, weil ich dadurch über meinen Schatten springen und aus meiner Komfortzone raus musste. Es entspricht überhaupt nicht meinem Naturell, auf Leute zuzugehen und sie anzusprechen und auf den Sack zu gehen. Ich hasse das, finde das so unangenehm. Mir ist es peinlich und ich schäme mich dafür.

Es kommt natürlich auf die Art und Weise an, wie man das macht.

Thorsten: Das stimmt, aber trotzdem ist es immer erst ein Krampf und ich frage mich, ob ich das nicht auch vermeiden kann. Bei dieser Recherche habe ich ja einfach Leute stumpf auf der Straße angesprochen. Ich bin wochenlang durch Neukölln gelatscht und habe Jugendliche angelabert, weil ich auch einen 16jährigen im Buch habe. Das ist grauenhaft für mich. Kommt da plötzlich dieser 43jährige Onkel an und quatscht die Teenies voll. Die denken dann auch nur: „Was will der denn?“ und „Wie sieht der denn aus?“ Zumindest ist das meine Wahrnehmung, in meinem Kopf ist dann so ein Terror, wenn ich sowas machen muss. Das ist kaum auszuhalten. Manchmal ist es schief gegangen, aber meistens war es super. Dann bin ich abends nach Hause gekommen, mit den Aufnahmen auf meinem Handy, und es war so ein derbes Wow-Erlebnis. Ich habe so viel gelernt dabei und es war immer wahnsinnig aufregend und interessant. Ich habe dann auch alles transkribiert, obwohl es nur um ein paar Informationen ging, die ich mir schon in mein Notizheft geschrieben hatte. Ich habe mich aber trotzdem hingesetzt und alles abgetippt, was ja ein wahnsinniger Aufwand ist. Das weißt du ja. Zwei Stunden Interview zu transkribieren, dafür brauchst du mindestens acht Stunden. (Mindestens acht Stunden. Dieses Interview ging übrigens auch über zwei Stunden und ich habe ebenfalls die Angewohnheit alles zu transkrepieren. Aber wenn man einmal dabei ist und das Gespräch sehr interessant ist, dann lohnt sich die Arbeit.)
Ich musste das machen, weil es immer etwas zwischen den Zeilen gibt. In einzelnen Formulierungen kann so viel Wahrheit liegen, die ich mir dann noch raussaugen kann. Ich bin in dem Moment der Parasit, der die Leute auch Sachen fragt oder mit Dingen konfrontiert, über die sie vorher vielleicht noch nie gesprochen haben. Wenn ich die Aufnahmen danach höre, achte ich auch auf deren Tonfall und Stimme. Freunde sagen mir, dass ich irre bin oder manisch. Ich könnte wahrscheinlich mit viel weniger Arbeit zu einem recht ähnlichen Ergebnis kommen, aber ich glaube, es sind diese fünf Prozent, die es letztendlich ausmachen und die für mich wichtig sind. Dazu gehört halt auch das, über das wir vorhin schon sprachen, dieses ständige Überarbeiten von Texten und Kapiteln. So habe ich früher auch meine Songs geschrieben. Aber so will ich es machen, auch wenn es mich verrückt macht, nur so macht es für mich Sinn.

Du hast ja auch immer noch ein Notizbuch dabei. Viele benutzen dafür mittlerweile ihre Handys. Ich kann auch nicht gut eBooks lesen.

Thorsten: Ich auch nicht. Es klingt prätentiös, aber so ein eBook hat keine Sinnlichkeit. Haptik ist immer noch der Shit, oder?

Auf jeden Fall. Da sind wir wieder bei den Sinnen.

Thorsten: Haptik ist sicherlich der wichtigste Sinn. Man würde sofort sterben, wenn man nichts anfassen könnte. Das ist doch das, was einen glücklich macht. Das wird oft belächelt oder als nostalgisch wahrgenommen, wenn man noch Bücher liest oder auf Vinylplatten steht. Nostalgie mag da schon mit reinspielen, aber eigentlich geht es um das sinnliche, eben das haptische. Digital ist clean, steril und sicherlich geruchlos.

Und schnelllebig. In deinem neuen Buch „Arbeit“ sprichst du mir quasi auch aus der Seele. Du befragst nicht die Partypeople auf der Straße oder die Leute, die eh meistens im Fokus stehen, sondern blickst hinter die Kulissen. So nach dem Motto, was macht mein Dealer eigentlich tagsüber? Oder wie geht es dem Barmann, der Barfrau, die stundenlang hinterm Tresen steht?!

„Wenn es dunkel wird in der Stadt, gehen in diesem Roman die Lichter an…“ Jan Brandt

Thorsten: Es gab wirklich sehr viele gute Gespräche, aber besonders interessant fand ich die Begegnung mit den Notfallsanitätern. Die fahren zwölf Stundenschichten von 7 bis 7 und haben dabei eine wahnsinnige Verantwortung. Werden skandalös schlecht bezahlt und sind oft bereits nach ein paar Jahren komplett durch. Was ich auch sehr interessant finde, die kennen die Stadt wie sonst keiner. Sie sind überall unterwegs, in ganz verschiedenen Kiezen und Milieus. Und dann stellt man fest, es gibt kaum Romane, in denen Notfallsanitäter vorkommen. Und denke mir, warum eigentlich nicht?

Die könnten sicherlich mehr als einen Roman schreiben oder man könnte über deren Erlebnisse und Erfahrungen einige Mehrteiler rausbringen.

Thorsten: Ich frage mich das wirklich. Vielleicht, weil es nicht naheliegend ist oder aber weil man sich in diesem Metier nicht auskennt und sehr viel recherchieren müsste. Ich bin wirklich froh, dass ich es für dieses Buch gemacht habe. Ich bin diesen Leuten so unglaublich dankbar, dass sie ihr Wissen und ihre Lebenserfahrungen mit mir geteilt haben.

Wahrscheinlich sind sie auch dankbar, dass da ein Typ kommt und sich für sie interessiert.

Thorsten: Ja, einige bestimmt. Das merkt man.

Du hast dich auch mit Dealern unterhalten. Bist du da auch in die Hasenheide gegangen oder in den Görlitzer Park?

Thorsten: Ja.

Das interessiert mich auch, was in denen eigentlich vorgeht. Ich gebe zu, dass ich eher genervt bin, wenn man am Görli aussteigt und die einem auf dem Bahnsteig schon auflauern und fragen, ob man was will. Die kommen mir einfach zu nah und da bekomme ich schlechte Laune.

Thorsten: Das ist auch ein gutes Beispiel dafür, was wir eben schon hatten, dass es mir widerstrebt, jemanden dort anzutippen und ihn zu fragen: „Hey, erzähl doch mal. Wie ist das denn hier so als Dealer.“ Das habe ich in dem Fall auch nicht gemacht. Ich bin da über andere Kanäle reingekommen. Das war auch gar nicht leicht. Die haben sehr viel Angst und die meisten sind aber auch überhaupt nicht stolz darauf, was sie da machen. Das ist für viele beschämend und sehr unangenehm, und sie wollen so auch gar nicht wahrgenommen werden. Sie sind ja nicht hierhergekommen, um Drogen zu verkaufen. Es gibt diese Parkwächter im Görlitzer Park, die haben dort einen Bauwagen stehen. Cengiz Demirci ist der Parkmanager, der auch ganz viel in der Presse ist. Die sorgen dafür, dass keine Frauen belästigt werden, dass nichts an Minderjährige verkauft wird, dass keine Leute angemacht werden. Das versuchen die dort zumindest einigermaßen durchzusetzen.

Die Razzien, die da ab und zu durchgeführt werden bringen eher nicht so viel. Du hast dich auch mit Polizisten unterhalten?

Thorsten: Ja. Da sind auch viele darunter, die einfach durch und desillusioniert sind. Die würden lieber etwas anderes machen und merken auch, das wird einfach nicht besser.

Es heißt auch, dass es keinen Nachwuchs gibt.

Thorsten: Die Polizisten sagen immer, sie werden kaputtgespart und aus deren Perspektive glaube ich das auch. Nirgendwo in Deutschland werden sie so schlecht bezahlt wie in Berlin. Und wenn du dann im Abschnitt 53 bist, im Görli, Schlesische Straße oder am Rewe im Kotti immer im Einsatz bist, dann wundert einen auch nicht der hohe Krankenstand, den die haben.

Können die nicht zwischendurch mal in einen anderen Bezirk wechseln? Lichterfelde Ost oder so?

Thorsten: Ich glaube, das passiert auch. Das machen zumindest Sanitäter, wenn es geht. Es ist aber auch nicht immer möglich, weil da personalmäßig alles am Limit ist.

Bei der Feuerwehr zu arbeiten ist auch ein belastender Job. Da habe ich mich mal mit jemandem unterhalten und ich dachte immer, ja, die löschen hier und da mal einen Brand…

Thorsten: Das hätten die gerne…

Deine Recherchearbeiten tragen sicherlich dazu bei, dass die Stadt noch anstrengender für dich wird. Magst du Berlin eigentlich noch?

Thorsten: Ich war neulich mal in Schöneberg aus.

Das ist herrlich da.

Thorsten: Ich hatte mich mit einem Freund verabredet, Jan Brandt. Ich weiß nicht, ob du ihn kennst. Das ist ein Schriftsteller, der nach Schöneberg gezogen ist. Er wollte eigentlich nach Neukölln kommen und ich meinte: „Auf keinen Fall. Ich komme zu dir.“ Ich denke ja immer, dass ich so einen Berlin-Koller habe, aber den habe ich gar nicht. Ich werde nur irre an meiner Kreuzung. Wir waren dann in Schöneberg was essen und in verschiedenen Kneipen. Als wir durch die Straßen gelaufen sind, habe ich nur gedacht: Ach, ist das herrlich hier, was für eine schöne Stadt.
(zu diesem Abend hat Thorsten hier einen Brief geschrieben.)

Es gibt viele schöne Ecken in Berlin, nicht nur in Schöneberg.

Thorsten: Es ging mir gar nicht darum, dass mir Schöneberg so gut gefallen hat, sondern dass ich mal wieder in der Stadt unterwegs war. Ich hatte monatelang gearbeitet und war nur in meiner Ecke unterwegs und habe mir einen regelrechten Berlin-Ekel zurecht phantasiert. Das führt zu ganz interessanten Momenten, wenn man gerade dabei ist, ein Berlin-Buch zu schreiben. Das ist mir damals schon bei „Was kostet die Welt“ aufgefallen. Ich weiß noch, das war dieser Horror-Winter. Wann war das 2008, 2009?

Stimmt, der Winter, der nie aufgehört hat.

Thorsten: Da hatte sich im Dezember schon eine dicke Eisschicht gebildet und darunter lag der ganze Müll. Auf dem Kanal stand ein Sofa und das zog sich bis in den April glaube ich. In der Zeit habe ich an „Was kostet die Welt“ gearbeitet und der Ich-Erzähler zieht die ganze Zeit über die Mosel her. Die Mosel kommt dabei nicht so gut weg, obwohl ich es da super finde.

Außer der Wein, den mag der Erzähler doch gerne, oder?

Thorsten: Den findet er auch nicht so gut, weil er Biertrinker ist.

Besucht er da nicht so einen Winzer-Freund?

Thorsten: Ja, aber den findet er auch scheiße. Der Erzähler ist ziemlich arrogant und zieht über alles her. Zumindest saß ich da in diesem Horror Berlinwinter und musste über die sommerliche Mosel herziehen. Das ist mir teilweise wirklich sehr schwergefallen. Ich musste mich beherrschen, dass ich nicht alles relativiere, weil ich mich in dieser Zeit so dahin gesehnt habe. Ich wollte nirgendwo lieber sein als im Sommer an der Mosel. So ähnlich war das jetzt bei „Arbeit“ auch. Ich musste mich für diese Stadt interessieren, weil ich diese verschiedenen Hauptfiguren habe mit ihren unterschiedlichen Backgrounds.

Machst du eigentlich noch Musik bzw. gehen Muff Potter noch mal zusammen in den Proberaum?

Thorsten: Mir fehlt die Band. Ich möchte immer Teil einer Band sein. Ich möchte nicht, dass Soundfiles hin und hergeschickt werden, sondern die Songs sollen erarbeitet werden. Es macht mir Spaß, im Raum zu sein und mein Schlagzeuger spielt so unfassbar laut, dass man dagegen anspielen muss. Das ist schon fast wie eine Challenge, hat sogar etwas Körperliches. Ich sitze schon so viel am Computer durch mein Schreiben und bin dadurch viel allein. Deshalb muss ich nicht auch noch an einem Recording Programm sitzen und da allein einen Song basteln. Ich mag es, wenn jemand sofort reagiert auf den Kram, den man macht. Auch wenn man den Song selbst geschrieben hat, ist es toll, wenn da ein anderer ist und daraus etwas entsteht. Man hat diesen Austausch, diese romantische Idee einer Band. Ich glaube auch nicht, dass das irgendwie Retro ist, sondern ein grundsätzliches Bedürfnis, etwas mit anderen Menschen zusammen zu machen. Das sieht man auch bei den Konzertbesuchern. Konzerte laufen besser als je zuvor. Die Leute gehen dahin, weil sie das Erlebnis haben und es mit anderen Menschen teilen wollen. Den Moment festhalten.

(Und keine zwei Monate später ist plötzlich alles anders. Keine Konzerte, keine Veranstaltungen, kein gemeinsames Essen in einem Restaurant. Homeoffice, sterile Konferenzen mit Familie und Freunden, keine Umarmung, keine Nähe. Abstand und das Digitale drängen sich immer mehr in den Vordergrund…)
Im April 2020 erscheint nach elf Jahren Pause ein neuer Song von Muff Potter. „Was willst du

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