Klüngelhausen gibt es auch in Togo

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Man war ich aufgeregt. Zum ersten Mal fliege ich nach Afrika. Bisher hielt ich mich bei meinem Reisen vorwiegend in Europa auf. Südkorea war noch das weiteste Ziel. Ich bin kein Abenteurer, aber wenn ich Leute kenne, die sich vor Ort auskennen (so war das damals auch in Korea), dann bin ich sehr dankbar, wenn ich mitgenommen werde. Und warum Togo? Und nicht Ghana oder Südafrika? Kann ja jeder. Ein Freund von mir, Kossi, den ich noch aus Köln kenne und der jetzt auch in Berlin lebt, kommt aus Lomé, der Hauptstadt Togos und er und seine Familie wollten mich schon lange mal mitnehmen. Seine Frau, Verena, kenne ich noch länger, weil wir in Köln zusammen studiert haben. Die beiden Kinder kenne ich auch und alle freuten sich, dass ich mitkomme. Und im Juli 2018 war es dann endlich soweit.

 Leider musste ich alleine fliegen, weil Kossi mit Anhang schon vor Ort waren. Ich musste ja noch zu Nick Cave. Haha, aber der Flug war gar nicht so schlimm. Von Lissabon sind es nur 5 1/2 Stunden nach Lomé und ich hatte bereits einige Freundschaften im Flugzeug geschlossen. Hinter mir saß eine Mutter mit ihren zwei Kindern, die sehr lustig waren. Sie kommen auch aus Lomé und freuten sich schon sehr auf ihren Besuch. Der eine Junge meinte kurz vor der Landung: „Mami, jetzt sind wir gleich da und werden für eine Zeit nicht mehr ständig angeguckt…“ Die Familie wohnt mittlerweile in Erfurt und sofort schossen keine guten Bilder durch meinen Kopf. Aber ich meinte dann nur zu dem Kleenen: „Keine Sorge, hier bin ich, die angeglotzt wird“ und da mussten alle lachen.

Mein direkter Sitznachbar fiel mir sofort auf, weil er ein T-Shirt trug mit der Aufschrift: Universitätsklinik Köln. Den musste ich natürlich auch anquatschen und Julian kommt ebenfalls aus Lomé und fährt einmal im Jahr nach Hause. In Köln lebt er seit 2003 und arbeitet als Krankenpfleger in der Uniklinik. Er war sichtlich begeistert, als er erfuhr, dass ich in Togo bleibe und nicht, wie viele andere im Flugzeug, weiter nach Accra fliege. Nach Ghana wollen fast alle. Auch das Mädchen in der Reihe vor mir. Sie macht dort ein zweimonatiges Praktikum in einer sozialen Einrichtung und war auch noch nie in Afrika.

Kurz vor Landung wird dann auch schon mal ordentlich Gift verteilt. Der Steward sprüht mit zwei Dosen Antimückenspray entlang der Gepäckablage. Das habe ich auch noch nie gesehen, aber Togo ist Malariagebiet und da sollte man schon vorbereitet sein. Mir hatte man auch empfohlen langärmlige Shirts und lange Hosen immer bei Einbruch der Dunkelheit zu tragen und immer eingeschmiert mit hochdosiertem Mückenspray. Und davon hatte ich drei verschiedene Mittel dabei. Nobite habe ich die meiste Zeit benutzt. Dennoch habe ich ein paar Stiche abbekommen. So ganz vermeiden kann man das auch nicht. Aber natürlich muss man auch zusätzlich Prophylaxe nehmen.

Mit diesen Gesprächen verging die Zeit wie im Fluge und Julian hat mir dann auch bei der Ankunft noch sehr bei den zahlreichen Kontrollen in Lomé geholfen. Die Beamten sind da ein wenig ruppiger und wollen ziemlich viel von einem wissen. Aber alles ging relativ schnell vorbei: Passkontrolle, Impfpasskontrolle, Zettel ausfüllen, was man in Togo macht, wohin es geht, woher man kommt…, noch mal Passkontrolle, Visakontrolle, dann wird ein Foto von dir gemacht, dann vergleichen sie den Gepäckschein mit deinem Koffer und dann ist man endlich da.

Kossi und Verena warteten schon auf mich. Der Flug hatte ca. eine Stunde Verspätung. Die Freude war groß und noch lustiger war es, dass Julian natürlich Kossi kennt. Sie haben sich in Köln getroffen und Julian ist der Neffe von Papa Vie, den wir später auch noch treffen werden. Also, Klüngelhausen auch in Togo. Ich fühlte mich gleich wie zu Hause. Bienvenue!

Gentrifizierung in Lomé

Bei meiner Ankunft dachte ich erst, sieht ja fast so aus, wie im Osten. Baufällige Häuser, verlassene Ruinen, Leerstand auch in Togo? Nee, an diesen Häusern wird noch gebaut. In den letzten Jahren hat sich die Stadt weiterentwickelt. Auf Kosten vieler Dorfbewohner. Viele Dörfer außerhalb der Stadt werden integriert, ob sie wollen oder nicht. Neben dem Lehmhaus steht dann plötzlich ein neues Haus aus Stein und Beton. Oft sehen die Häuser kaputt oder ruiniert aus, aber sie sind einfach noch nicht fertig, weil die Menschen oft nicht genug Geld haben, um das Haus in einem Rutsch fertig zubauen. Oft vergehen Monate bis die Baustellen wieder aktiv sind und genügend Geld für Baumaterial da ist. Menschen, die es sich leisten können, bauen sich dann auch außerhalb von Lomé ihr Häuschen. Das bedeutet auch, dass viele Ureinwohner ihr Land verlieren auf denen sie Mais, Maniok und andere lebensnotwendige Nahrung anbauen.

 Auf meiner Reise habe ich das Buch von Markus Maria Weber gelesen: „Ein Coffee To Go in Togo“. Der Unternehmensberater hat sich ein Jahr eine Auszeit genommen und ist mit dem Fahrrad von Deutschland nach Togo gereist. Der hat noch einige Abenteuer mehr, als ich erlebt. Allerdings beschreibt er bei seiner Ankunft in Freetown, Sierra Leone, die Atmosphäre ganz genau so, wie ich es in Lomé gesehen und empfunden habe und das möchte ich hier gerne zitieren:“ Am Fuße der Hügel spiegelt sich das quirlige Leben der Hauptstadt ab: Autos standen Stoßstange an Stoßstange, die Motoren der Mopedtaxis knatterten, die Auspuffe der LKW stießen dicke Rußwolken aus, Hupen wurden betätigt und lautes Fluchen drang aus den vollbesetzten Taxis herüber. An den schmalen Seitenstreifen bahnten sich bunt gekleidete Frauen mit Töpfen, Schüsseln und Säcken auf den Köpfen ihren Weg zu den Marktplätzen. An den engen Straßenkreuzungen hockten Afkriaknerinnen im roten Staub und verkauften alles, was man in Afrika irgendwie zu Geld machen konnte: Stromkabel, Vorhängeschlösser, gebrauchte Plastiktüten, Telefonakkus, Obst und Gemüse. Im undurchdringlichen Chaos von Menschen und Autos wurden Waren getauscht und abgegriffene Geldbündel wechselten die Besitzer. Es roch nach Schweiß und Staub, dem süßlichen Aroma von verdorbenem Fleisch und Alkohol. Die schwüle Hitze stieg einem zu Kopf und die aufdringlichen Rufe der Schlepper ließen einen schneller voranlaufen. Als Weißer war man fremd in Freetown, und die skeptischen Blicke lasteten einem im Nacken.“*

Ich muss dazusagen, dass ich es auf Märkten tatsächlich sehr anstrengend fand, immer angequatscht zu werden. Aber da wir nie alleine unterwegs waren, ist mir jetzt auch nichts Unangenehmes widerfahren. Im Gegenteil, die Menschen waren vorwiegend sehr freundlich und interessiert. Ab und zu wurde mal die Zunge rausgestreckt, aber das war jetzt auch nicht weiter schlimm.Man ist immer wieder überwältigt von der Vielfalt an Produkten, Obst, Gemüse, Gewürze, Klamotten, die da verkauft werden. Alles so schön bunt hier.

Der Straßenverkehr ist allerdings crazy. Dagegen ist der Berliner Stadtverkehr Entspannung pur. Alta, wie die fahren und diese Karren. Die würden hier keinen einzigen TÜV überleben. Im Stau stehen ist wirklich kein Vergnügen. Umzingelt von knatternden Mopeds, überlasteten Lastern und überfüllten Autos. Katalysator? Was ist das?

Der Gestank ist bestialisch. Wenn die Hupe kaputt ist, hast du eigentlich keine Chance. Rechts überholen geht immer. Dann schießen plötzlich Mopedtaxis von links herüber. Geisterfahrer sind auch an der Tagesordnung. Bei der ersten Fahrt wusste ich nicht, ob der Schweiß an mir von der Hitze oder der Angst kam. Aber alles kein Problem, wenn man den weltbesten Taxifahrer an seiner Seite hat. Koukouze ist der Beste und hat seine Augen überall. Bei ihm im Auto fühlte man sich auch wirklich ohne Gurt und Stoßdämpfer sicher. Und immer wenn man kurz Aufschrie, weil man sich erschrak, lachte er herzhaft und man wusste, alles ist in Ordnung.

Natürlich haben wir nicht immer auf der faulen Haut gelegen und durften auch mal selber ran. Zum großen Vergnügen der Mitbewohner. Hier stampft das Schleckermäulchen mit Kukuze Fufu. Und das ist richtig anstrengend und gibt ordentliche Armmuskeln, die ich ja leider gar nicht habe. Vielleicht baue ich das Stampfen in mein Workout ein. Auf unseren Ausflügen gab es immer viel zu sehen. Die Aussichten waren immer faszinierend, aufregend, wunderschön, manchmal auch traurig und viele Eindrücke regten zum Nachdenken an. Hier halten wir Ausschau nach unserem Boot am Lac Togo.Auf unserer 2-Tagestour in die Berge gab es jede Menge Früchte und Gemüse an den Straßenrändern zu kaufen. Da dürfen Bananen natürlich auch nicht fehlen. Ich muss zugeben, ich bin kein so großer Fan von Bananen, aber in Togo habe ich jeden Tag mindestens eine gegessen. Überhaupt habe ich noch nie so schmackhafte Früchte gegessen. Mangos, Ananas, Orangen… schmecken tausendmal besser, als hier bei uns. Für unser Wohl wurde immer gesorgt. Auf unseren Tagestouren gab es immer lecker Picknick und das schmeckt in der freien Natur tatsächlich noch mal ganz anders. Überhaupt findet das Leben in Togo vorwiegend im Freien statt. 

Eigentlich geht man nur zum Schlafen in sein Zimmer, aber sonst ist man immer draußen. Da ist man dann auch schon mal um 6 Uhr morgens wach (wäre bei uns dann 8 Uhr morgens). Da wird draußen bereits fleißig der Boden gekehrt und die Vögel zwitschern aufgeregt. Ein Hahn gibt dann auch noch bescheid, dass er wach ist. Da es in Togo bereits gegen 18:30 dunkel wird, geht man entsprechend früher auch ins Bett. Natürlich ist man sowieso auch erschöpft vom Entspannen und Erkunden der fremden Kultur. In der Regel war ich immer spätestens um 22 Uhr im Bett.

Auch wenn wir keinen Tagestrip gemacht haben, wurde es uns niemals langweilig. Selbst vor der Haustür gab es immer was zum Glotzen. Das machen aber alle so, wenn nichts zu tun ist. Da muss man auch nicht viel quatschen und auf jeden Fall sehr viel besser, als Fernsehen! In Lomé sitzen Sie in der ersten Reihe. Vor dem Friseursalon steht die prachtvolle Kokusnusspalme und es kommen immer Motorräder, Autos und Damen mit allerlei Dingen auf dem Kopf vorbei.

  Hier sitzt man in der wahren ersten Reihe

Fotos konnte man auch unendlich viele machen. Leider bin ich keine gut ausgestattete Fotografin und diese Schnappschüsse hier sind alle mit meinem ollen Handy gemacht. Dafür sind sie aber eigentlich wirklich gut geworden, oder? Und die Fotos im Gedächtnis sind ja sowieso immer die besseren Erinnerungsstücke. Es war eine Wohltat mal zwei Wochen lang keinen Internetzugang zu haben. Kein Facebook, kein Instagram, keine Nachrichten. Und man hat wirklich nichts verpasst. Da saß man lieber mit den Einheimischen zusammen und es gab immer was zum Lachen. Mit meinem Schulfranzösisch kamen ein paar kleinere Gespräche zustande, aber es reichen oft auch Gesten und ein Lächeln, um sich zu verstehen. Es kommt auch immer unangekündigter Besuch. Das macht man so. Wenn niemand da ist, auch nicht schlimm. Aber bei uns war immer was los.

Am letzten Abend gab es ein großes Abschiedsessen. Kossis Schwestern und Kukuzes Frau servierten allerlei Köstlichkeiten. Die Kinder eröffneten feierlich das Buffet. Alle Geschwister, Tanten, Onkel, Cousinen und Cousins, Freunde, Bekannte, waren noch mal gekommen um sich zu verabschieden. Später wurde dann auch noch gesungen und getanzt.

Die Mitbringsel aus Deutschland kamen bei den Kids auch ganz gut an und wurden gleich ausprobiert und gerecht aufgeteilt. Süßes, Stifte, Spielzeug, Taschen, Kleider, etc. können alle immer sehr gut gebrauchen. Ich bin Kossi und seiner Familie sehr dankbar, dass ich diese Erfahrung machen durfte. Vielen, vielen Dank ich hoffe, dass wir uns alle nochmal wiedersehen.

Au revoir und merci beaucoup!

 

* Markus Maria Weber, „Ein Coffee to go in Togo“, Conbook Verlag, 4. Auflage,  S. 316

 

 

Bildquellen

  • taxi: JLue8
  • Ready TO GO: JLue8
  • gruppenfoto_lome_togo_afrika: JLue8
  • Kukuzes Tochter und Freundin: JLue8
  • Kukuzes Tochter Bene: JLue8
  • Oma und ihre Enkel: JLue8
  • Gucki: JLue8
  • Immer für ein Foto zu haben: JLue8

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