Rocko Schamoni „Musik für Jugendliche“ und dich!

Eingetragen bei: Kolumne und so, Motz-Ecke | 0

Kürzlich hat Rocko Schamoni über das Sterben und die dafür erforderlichen Vorbereitungen, die man treffen sollte, im Radio gesprochen. Patientenverfügung, Nachlass, aber auch selbstbestimmtes Sterben. Ein Thema über das man immer noch nicht offen spricht, obwohl es jeden von uns betrifft. Jeder der schon mal einen geliebten Menschen verloren hat, saß oft ratlos daneben und wollte ihn von seinem Schmerz und Leid erlösen. Oft ist es ein langwieriger und vor allem leidvoller Prozess, gerade für die Hinterbliebenen.

Bilder aus der Vergangenheit

 

„Musik Für Jugendliche“ heißt das neue Schamoni-Original. Aufgenommen in einer Zeit, in der sein Vater schwer krank war. Somit stecken viele Erinnerungen in dieser Musik. Begegnungen, Erfahrungen mit dem Tod und das Verlassen-werden. Keine Kummer-Parade, keine Nostalgie-Sehnsucht, kein Comedy-Quatsch, sondern viele pompöse Melodien und berührende Worte. Eine Lebens-Revue, die traurig macht, aber auch den Blick auf die Realität niemals verliert. Chanson, Rock, Pop und ganz viel Seele.

Rocko war der Dorfpunk, der später als Töpfer in die Lehre ging. Buchautor, Quatschmacher, Schmuck-Designer, Club-Betreiber, ein kreativer Charmeur der Generation „Irgendwas mit Medien“. Die Liste seines Schaffens ist lang und abwechslungsreich. Das neue Album ist prallgefüllt mit vielen Instrumenten. Wir hören hier einen Schamoni, der sich mit sich und seinem Lebensweg auseinandersetzt, mal ironisch, aber vor allem klug und nachvollziehbar. Tiefe (Ein)Blicke zurück in die Vergangenheit.

Das Plattencover von „Musik Für Jugendliche“ zeigt Rocko in jungen Jahren. Daneben noch eine Schulter vom Papa zu sehen. Die Familie ist da offensichtlich in den Sommerferien. Ein Blick sagt mehr als tausend Worte. Man möchte ihn sofort in den Arm nehmen und knuddeln. Rocko hatte entweder nicht so Bock auf das Fotografieren oder wollte lieber Punkmusik im Zimmer hören? Vielleicht gab es auch wieder fiese Kapern auf der Pizza…

Im Cover der Vinylausgabe sind noch weitere Fotos aus seiner Vergangenheit zu sehen. Familienalben sind eine wunderbare Erinnerung, die in vielen Schubladen und Kisten lange Zeit verborgen liegen. Erst beim Verlust eines geliebten Menschen tauchen sie aus den dunklen Schlupfwinkeln auf. Oft sind sind die vergilbten Bilder dann ein kleiner Trost in dieser schweren Zeit.

„Was würdest du machen, wenn die Erde untergeht?“ Immer wieder ein gern diskutiertes Thema unter Freunden bei ein oder zwei Gläsern Wein. Neulich gab es dazu einen herzzerreißenden Eintrag in den sozialen Netzwerken (Ich weiß leider nicht mehr wo. Gerne melden!). In Köln-Ehrenfeld gab es eine Bombenräumung. Zwei Kinder mit Spielzeug-Helmen auf dem Kopf schieben ihr Fahrrad auf dem Gehweg. Kind 1: „Wenn eine Atombombe fallen würde, dann würde ich mein ganzes Spielzeug zuhause lassen.“ Kind 2: „Ja. Besser leben als Spielzeug kaputt.“

„Der Regen fällt und fällt und fällt und wir trinken auf das Ende der Welt“ (Der Regen).

Was passiert mit uns im Alter? Wer denkt später noch an uns? Welcher Hahn kräht da überhaupt noch? Der Zerfall beginnt mit „Als hätte es uns nie gegeben“. Die rasant beschwingte Beat-Nummer mit vernichtendem Inhalt und Action-Film-Garantie: „Bald schon, sehr bald, bleiben von uns nur Ruinen.“ Häufig klingen die Melodien pfiffig und munter, obwohl die Texte eher einen düsteren Eindruck hinterlassen. Waren wir immer gut zu Menschen und werden sie für uns da sein? Oder landen wir direkt in der Hölle? Halte dich an deinen Freunden fest, sonst ist der Abstieg einsam und kalt. „Der Weg Hinab“. Die wahre Pop-Hymne auf dieser Platte. Zum Tanzen, Schwelgen, Schweigen und laut Mitsingen.

Ist es Liebe oder Wahnsinn? Schlager oder Blues? Es ist „Dein Gesicht“ mit einem fetten Saxophon-Solo. Das wagt sonst nur ein Jochen Distelmeyer. Diese Liebesbekundung kann man schrecklich kitschig finden oder aber man wünscht sich sofort den „Mond“ zurück.

„Hab keine Angst es ist nur die Realität“, diese eingebrannte Songzeile kommt mir immer wieder ins Gedächtnis. Keine Schamoni-Zeile, obwohl es eine sein könnte, sondern die neue Hit-Single von Eric Pfeils Band Die Realität. In gewisser Weise auch Musik für Jugendliche, aber das nur kurz nebenbei.

Erinnerungen

Hart, aber zart geht es weiter. „Mark Hollis“ stirbt und die Welt ist erschüttert. Wieder geht ein guter Songschreiber viel zu früh von uns (25. Februar 2019). Schamoni hatte die Idee über Hollis einen Film zu drehen. Der Talk Talk-Sänger war schon länger verschollen und bevor sich Rocko auf die Suche machen konnte kam die traurige Meldung, dass der englische Sänger und Komponist mit 64 Jahren verstorben ist. Und diese Nachricht erhielt Rocko nur eine Woche bevor sein Vater verstarb. „Ich hab nach ihm gesucht und ich hab ihn gefunden, ganz tief in meiner Brust dreht er seine Runden.“

Zwölf Jahre gab es kein reguläres Album von Rocko Schamoni. Für Fraktus oder andere Projekte wurden zwischenzeitlich fleißig Zeilen aufs Papier gebracht. Erst kürzlich erschien sein Buch „Grosse Freiheit“ über die Kiezlegende Wolli Köhler.

Der herzliche Rabauke vom Kiez? Die coole Sau Metallic aus Hamburg? Der Udo Jürgens aus dem Goldenen Pudelclub? Der Beobachter der Generation „Brauch ich nicht“ und ein Entertainer der alle glücklich macht. Die Krönung zum Album-Release: Rocko Schamoni live. Erst in Hamburg und dann in Berlin. Die Jugendlichen blieben der Veranstaltung fern und hingen lieber auf dem Lollapalooza ab. Somit verpassten sie eine smarte Performance, eine „erotische Body-Night“ des King of Kiez und der sehr guten achtköpfigen Bigband Mirage. Mit Kippe und Bier gab es Songs über Tod, Depressionen, Liebe und Freundschaft. Das ließ sich auch Jochen Distelmeyer nicht entgehen und wippte vergnügt im Publikum mit. Viele Hits wurden auch noch gespielt und die Zuschauer animiert mitzusingen. Das klappte auch ganz gut, am Vorabend in Hamburg natürlich sehr viel besser. Immer wieder ein Highlight die Coverversion von FSK „Was kostet die Welt“ und der himmlische Hit „Der Mond“. Mit Bigband noch mal richtig dufte. Die Polonäse zum Alex blieb aus, aber dafür wurde noch mit Stil gebechert. Ein Abend für die Liebe zur Musik.

Das Album „Musik für Jugendliche“ widmet Rocko seinen verstorbenen Eltern Renate und Rudolf.

 

 

 

Bildquellen

  • IMG_20190907_224537_resized_20190909_103719302: Rocko Schamoni
  • cover Rocko Schamoni – Musik f r Jugendliche: Tapete Records
  • IMG_20190907_224511_resized_20190909_103739048: Rocko Schamoni
  • Rocko Schamoni 2 Credit Lidija Delovska: Lidija-Delovska

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.