Vandalismus: „Alles was sahnig-weiß und rosa-süß schmeckt.“

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Samstags in einem historischen Kaufhaus in Berlin. Zu einem Spätstück treffe ich Vandalismus aus Düsseldorf. Mein erstes kulinarisches Gespräch mit einem Rapper. Ganz gemütlich sitzen wir mit seiner sympathischen Begleitung (Managerin und Mutti: Dani Fromm; Berlin-Host und guter Kumpel: Krentzman) bei Frikadelle und Kuchen zu Tisch. Bei der vorherigen Platte „Handbuch des Giftmischers“ nannte er sich noch Destroy Degenhardt und davor war auch mal was mit Disko. Er saß auch schon mal in meiner Küche für ein Interview. Allerdings war damals der Fragensteller Edgar Einfühlsam. Aber man beachte, hier im Video, auch den smarten Wandschmuck. Dank Robbie durfte dann nun auch das Schleckermäulchen Berlin mit Vandalismus plaudern. Ungeniert und unmaskiert. Er mag nämlich Essen ganz gerne und ich mag seinen Song „Ich bin der Einzige, der vom Kippenholen wiederkommt.“ Zu hören auf seinem aktuellen Album „Freunde lügen nicht“, erschienen auf Audiolith.

Es wurde aber nicht nur über Essgewohnheiten geredet, sondern auch über seine Reisen durch Korea und Japan und die damit verbundenen unterschiedlichen Kulturen. Es wird zwar gerempelt, aber stets höflich und mit Respekt. Der Umwelt zuliebe setzt man sich jetzt aber erst mal nicht mehr ins Flugzeug, sondern fährt lieber mit dem Auto nach Rügen.

Über Köln und Düsseldorf muss natürlich auch gesprochen werden. Schließlich verbrachte der leidenschaftliche Skater sehr viel Zeit auf der Domplatte. Aggressiven Situationen versucht Vandalismus immer mehr aus dem Weg zu gehen. Idioten gibt es leider viel zu viele, und da wird sogar ein Kinobesuch zum kontrollierten Selbstschutz. Zu Hause bleiben ist auch schön und dann schaut man gerne mit der Frau einen Film aus der üppigen DVD-Sammlung, wie zum Beispiel „Fallen Angels“ oder die rührende Dokumentation „Being Elmo“. Neben seiner Liebe zu Filmen erfahren wir auch etwas über seine Leidenschaft für rosa Süßigkeiten. Achtung: Dieses Interview könnte Werbung enthalten. Dabei handelt es sich um unbezahlte Produktnennungen. Probierpackungen können aber gerne weitergeleitet werden. Alles mit Erdbeere geht an den Künstler direkt, Marzipan und edel-herbe Schokolade landet im Bauch vom Schleckermäulchen Berlin. Vielen Dank und jetzt viel Spaß beim Lesen!

Was für ein Frühstückstyp bist du?

 Vandalismus: Normalerweise frühstücke ich überhaupt nicht, aber am Wochenende mache ich das ganz gerne. Mit meiner Frau, ganz ausführlich und schön.

Bereitest du das dann auch zu?

Vandalismus: Nee. Also, ich helfe, aber wir haben eine ganz klare Rollenverteilung. Ich wasche ab und sowas.

Ah, dann erübrigt sich auch die Frage, ob du gerne kochst.

V: Ich kann ein paar Gerichte, die aber eher dilettantisch sind, und dann hat meine Frau ziemlich schnell gesagt: „Nee, lass mal.“

Setz dich mal, Schatz. Ich hol dir gleich dein Bier“…

V: Nein, so überhaupt nicht. Wir machen beide unsere schmutzigen Arbeiten.

Spätstück im nostalgischen Kaufhaus

Geht ihr denn auch gerne mal auswärts essen?

V: Ich gehe samstags sehr gerne frühstücken. Da ist man oft angeschlagen oder verkatert.

Geht man eigentlich auch noch Brunchen?

V: Das weiß ich nicht. Das habe ich eh noch nie verstanden. Ist da die Uhrzeit entscheidend oder kommt es darauf an, was es gibt?

Ich war ewig nicht mehr beim Brunch. Die letzten Male war es eher enttäuschend. Entweder sind die Dinger überfüllt oder es schmeckt nicht. Oft werden die Antipasti vom Vorabend hingestellt. Früher hat man das gerne gemacht, weil man dachte, es sei ganz günstig.

V: Ich gehe schon ganz gerne auswärts essen.

Gibt es denn ein Lieblingsrestaurant in Düsseldorf?

V: Im Moment gehen wir sehr gerne Koreanisch essen. Grundsätzlich immer viel Asiatisch. Wir waren gerade in Korea.

In Japan warst du auch schon?

V: Ja, genau. Letztes Jahr Thailand, davor in Japan und dieses Jahr in Korea. In Thailand war das Essen göttlich. In Japan mag ich die Esskultur sehr gerne. Du kannst an jeder Ecke in ein Restaurant gehen. Oft passen nur fünf Leute rein. Ich stehe auf diese kleinen Portionen. Die sind meistens auch gar nicht so teuer. Für vier Euro bekommst du eine gute warme Mahlzeit. Und da das Essen nicht so schwer ist, wie zum Beispiel ein klassisches Mittagessen in Deutschland, kann man verschiedene kleine Portionen essen.

Ich mag es auch, das gab es in Korea, wenn du in ein Restaurant kommst und an einem Automaten bestellst, ein bisschen soziopathisch, aber irgendwie ganz gut. Und alle sind sehr entspannt und höflich.

Und schmeckt dann vor Ort schon anders als hier?

V: In Thailand gibt es diese ganzen Stände auf der Straße. Überall wird gegrillt und es liegen diese kleinen Spießchen herum. Voll geil. Du kommst ins Hotel, legst die Koffer ab, dann gehst du raus und zack, isst du direkt deine ersten gegrillten Spießchen.

Und hast du in Asien irgendwelche Insekten gegessen?

V: Habe ich auch mal gemacht, aber das ist eher so ein Klischee, dass das überall angeboten wird. Normalerweise gibt es sehr viel Fleisch, oft auch scharf. In Korea gab es sehr viel frittiertes Zeug. Komischerweise habe ich nicht zugenommen, aber wahrscheinlich, weil wir den ganzen Tag rumgelatscht sind.

Korea verbinde ich auch mit dieser kleine-Portionen-Kultur. Ganz viele verschiedene Töpfchen mit einigen Überraschungen, ich fand es meist sehr lecker.

V: Das stimmt, oft hast du die Tische mit Grill und Abzugshaube und da hauen die alles drauf. Schere gibt es auch gleich dazu und dann kannst du alles live schnibbeln.

Die berühmte Erlebnis-Gastronomie. Wir lieben es. Kennst du den Film Tampopo?

V: Nee, sagt mir nichts.

Kann ich nur empfehlen, vor allem, weil du auch in Japan warst. Da geht es, grob gesagt, um die perfekte Zubereitung einer japanischen Nudelsuppe. Mir läuft schon beim Erzählen das Wasser im Munde zusammen. Was hast du für einen Lieblingsfilm?

(Alle lachen)

Ja, ich weiß, du bist ein begeisterter Filmfan, aber vielleicht gibt es auch einen Film, in dem Essen vorkommt?

V: Kann ich einfach meinen regulären Lieblingsfilm nehmen, weil es da auch um Essen geht.

„Fallen Angels“. Da ist dieser Typ, der immer Restaurants eröffnet oder auch mal einen Eiswagen besitzt.

Der ist von Wong Kar-Wai, oder? Habe ich ewig nicht mehr gesehen. (Merke: unbedingt noch mal ansehen). Ich kann mich gar nicht erinnern. Was war denn dem sein letzter Film?

V: Gute Frage. Ist schon länger her, glaube ich.

Gerade wird ja auch „Parasite“ hochgelobt. Ist nicht von Wong Kar-Wai, aber hast du den gesehen?

V: Fand ich Scheiße.

Ich habe den noch nicht gesehen, aber wurde mir schon oft empfohlen. (Nachtrag: Ich fand den Film großartig. Schon „The Host“ von 2006 ist eine Bereicherung. Ich mag den skurrilen Humor des südkoreanischen Regisseurs Bong Joon-ho. Und man wird immer wieder überrascht.)

Stimme aus dem Off. Krentzman is the Google-Man: Letzter Wong Kar-Wai Film „The Grandmaster“ von 2013.

Den kenne ich gar nicht.

V: Sagt mir auch nichts.

Krentzman again: „My Blueburry Nights“ gab es noch 2007

(Alle: Ja, den kennt man.)

V: Ist aber auch schon lange her…

2007… Kinder, wie die Zeit vergeht.

V: Ich mag die alten Filme. Ich finde es eher seltsam, wenn die Leute „Pet 2“ als ihren Lieblingsfilm nennen. Dann frage ich mich auch, was habt ihr die letzten 30 Jahre gemacht?

Gehst du denn auch ins Kino oder lieber zu Hause glotzen?

V: Mach ich auch schon mal, aber da muss ich sagen, geht mir doch das Verhalten meiner Mitmenschen sehr auf die Nerven. Ich weiß, das ist schon eine Macke, aber Leute werden einfach rücksichtsloser und das nervt mich dann im Kino. So Sachen wie mit den Füßen gegen den Sitz treten, ins Handy quatschen, sowieso während dem Film alles zu kommentieren. Das sind oft so kultivierte Väter, was will man da sagen…

Doch, da muss man was sagen.

V: Mein Stress ist dann aber schlimmer als alles andere. Ich gehe dann einfach raus.

Dann musst du gehen? Das ist aber auch gemein. Ich hatte auch kürzlich eine unfassbare Begegnung im Kino. Der letzte Lars von Trier „Jack Built The House“, nee…

(Stimme aus dem OFF: „The House That Jack Built“. Bitte. Danke!)

Genau. Danke. Auf jeden Fall ein sehr brutaler und schwieriger Film, wie man sich vorstellen kann. Und da saß eine Mutter mit ihrem Neugeborenen drinnen. Also, erstmal Irrsinn, sowieso…

V: Fürs Kind.

Ja, das fing natürlich bei lauten blutüberströmten Szenen an zu murmeln. Zwischendurch schmatzte es immer wieder. Ich frage mich, Warum? Warum in diesen Film, aber vor allem warum MUSS man überhaupt ins Kino mit seinem Säugling? Es ist mir ein Rätsel…Und nein, ich habe nichts gegen Kinder, aber oft etwas gegen die Eltern…Ich war auch kurz davor etwas zu sagen, aber dann ist sie von allein gegangen.

V: Bei mir hat das viel mit Selbstschutz zu tun. Wenn es auf Provokation hinausläuft, dann weiß ich, dass das für mich mehr Stress ist. Ich kann dann nicht klein beigeben. Es könnte dann auch mit Schlägen enden und das will ich nicht. Dann lasse ich mich lieber gleich nicht darauf ein. Oder ich muss sofort dann etwas sagen, wenn es mir auf die Nerven geht: „Mach mal das Handy aus!“ Gestern vorm Interview waren wir noch im Restaurant und da war auch so ein Otto, der seine Sprachnachrichten laut abgehört hat und ständig diese SMS-Geräusche. Ich war schon ein bisschen aufgeregt vor dem Interview und werde dann auch mit diesen Ottos sehr nervös. Aber ich lerne gerade, damit umzugehen und mir zu sagen, so ist das jetzt. Es gibt immer einen Störenfried, aber hier ist ein öffentlicher Raum und damit muss ich jetzt leben.

Leider gibt es immer mehr Idioten.

V: Das rücksichtslose Verhalten nimmt zu.

Treffpunkt Berlin

Das ist auch dein Eindruck?! Also, doch kein Berlin-Phänomen. Mir fällt das immer mehr auf, dass vielen Leuten gute Manieren, wie zum Beispiel ganz klassisch die Tür aufhalten, abhanden gekommen sind. Und nicht nur bei Fremden, sondern auch in meinem näheren Umfeld…

V: Das finde ich jetzt gar nicht so. Diese Art von Höflichkeit gibt es noch, also dabei zu helfen den Kinderwagen die Treppe runterzutragen. Ich empfinde es eher so, dass der Egoismus bei den Leuten einfach krasser ist. Bei uns vor der Tür ist eine Apotheke und daneben ein sehr schmaler Fahrradweg. Da kommt dann so ein Typ und stellt sein Fahrrad mitten auf den Weg und nicht an die Seite. Ich finde diese Art von Rücksichtslosigkeit unangenehm. Ich bin dann in die Apotheke rein und sehe so einen klassischen Jack-Wolfskin-Biolehrer mit Fahrradhelm, Fairtrade-Socken, also irgendwie kein Arschloch. Der garantiert auch keine Plastiktüten benutzt, aber verstehst du das? Ich raffe das nicht, warum man dann trotzdem anderen Leuten auf die Eier gehen muss. In Japan habe ich das anders erlebt. Da achtet man gegenseitig mehr auf den anderen.

Und da sind ja sehr viel mehr Menschen auf der Straße…

V: Das ist übel, aber man kommt sich nicht in die Quere. Man rempelt nicht. In Tokio steigst du in die Busse und Bahnen und hast quasi Null Komfortzone. Wie im Pendelbus nach einem Festival. Aber es ist trotzdem kein Stress. Die stehen da auch nicht und glotzen in ihr Handy oder machen Fotos. Die Busse sind rappelvoll, Gänge komplett dicht mit Menschen und Koffern. Die Leute steigen vorne ein und vorne auch wieder aus. Wenn der Bus hält, geht dann hinten der erste los, durch den vollen Gang, und trotzdem gibt es keinen Stress. Keiner steht hektisch auf bevor der Bus hält, keiner nölt. Hier würde ich schon eine Station vorher Stress bekommen und mich fragen, wie ich es mit dem Koffer rausschaffen soll.

Mir fällt das immer in England auf. In London wimmelt es auch nur so von Menschen, aber in Bussen oder Underground gibt es ein einigermaßen angenehmes Vorankommen. Allein das rechts stehen, links gehen. Generell haben die Engländer oft einen sehr höflichen Umgang, den ich gerne mag. Sogar auf Konzerten. Da gefällt es mir fast, wenn mich jemand rempelt, weil sich sofort entschuldigt wird.

V: In Korea habe ich es dann allerdings anders erlebt. Die rempeln sich viel an, aber da ist das nicht schlimm. Es ist nicht aggressiv. Du merkst, es ist nicht böse gemeint. Dann machst du das auch und merkst, das ist ok. Ich hätte mir das nie vorstellen können, wenn mir das vorher jemand gesagt hätte.

Du passt dich dann einfach an?

V: Genau. Was auch noch süß ist, ältere Frauen haben da einen Sonderstatus. Die dürfen alles. Die benehmen sich relativ arschig, das wird aber da geduldet und gilt als charmant.

Was ist das nächste Reiseziel – fliegt ihr noch mal nach Korea oder Japan?

V: Wir haben gesagt, dass wir mal eine Pause machen und nicht mehr so viel fliegen. Da hatten wir zuletzt schon ein schlechtes Gewissen.

Wie oft fliegst du denn im Jahr?

V: Eigentlich nur einmal. Jetzt wollen wir eher wieder kleinere Reisen machen. Nach Rügen oder in den Spreewald.

Oder man kann sich so viel Urlaubstage nehmen, dass man auch mal mit dem Zug reist?

V: Ich muss sagen, ich bin leidenschaftlicher Autofahrer.

Jetzt sind wir etwas vom Essensthema abgekommen. Zum Thema kulinarische Filme fällt mir noch „Louis und die außerirdischen Kohlköpfe“ ein. Herrlich.

V: Ein Klassiker. Noch besser „Brust oder Keule“.

Auch sehr schön. (Merke, unbedingt noch mal Louis de Funes-Filme anschauen.) Ewig nicht gesehen. Hast du noch DVDs?

V: Ich habe sogar noch VHS und auch mit angeschlossenem Rekorder.

Hast du auch noch Platten?

V: Ja.

Und welche liegt da gerade auf deinem Teller?

V: Ne ganz heiße Scheibe. Meine Testpressung. (alle lachen)

So ein Zufall. Glückwunsch auch noch mal zum neuen Album „Freunde lügen nicht“. Kommt gut an, oder?

V: Ja, erschreckend, aber ganz gut. Um aber schnell abzulenken, die letzte Platte auf meinem Teller war Juse Ju „Shibuya Crossing“.

Kenne ich nicht.

V: Deutsch-Rap.

Und cool?

V: Bin ich nicht direkt mit warm geworden. War auf jeden Fall ein direkter Artwork-Kauf. Tut nicht weh. Ich musste es mehrmals hören und inzwischen mag ich es ganz gerne.

Hört man denn häufiger mal die Konkurrenz, falls man da überhaupt von Konkurrenten sprechen kann.

V: Ich höre nur meine Musik (lacht)… Nein, ich höre viel deutschen Rap.

Dissen erlaubt!

Kann man dann auch sagen, wen man da gerne hört oder disst man nur? Auch Klischeehausen…

V: Hörst du gerne Robbie Williams oder disst du den nur?

Mittlerweile disse ich den tatsächlich. Jetzt hat er auch noch so ein Scheiß Weihnachtsalbum herausgebracht, u.a. mit Helene Fischer. Horror. Aber auch schon das Album davor war schlimm. Tut mir auch irgendwo leid, weil letztendlich versucht er, an seine großen Erfolge ranzukommen… du siehst, darüber könnte ich jetzt einen langen Vortrag halten…

V: Letztendlich suchen die nur Aufmerksamkeit. Ähnlich wie bei der Moderatorin, die sich diese Schrauben durch den Rücken gebohrt hat und jetzt einen Podcast macht…

Du meinst Charlotte Roche und „Paardiologie“? Hast du dir das angehört?

V: Meine Frau hatte mir das empfohlen. Finde ich super, aber auch ein bisschen traurig. Also, vor allem das Feedback nach dieser Bungeejumping-Nummer. Das fand ich traurig. Wenn man so eine Aktion macht, dann heißt das für mich, du bekommst nicht genug Aufmerksamkeit in deinem Umfeld.

Mich interessiert das nicht, also den Podcast habe ich nicht gehört.

V: Paartherapie ist doch eigentlich ganz spannend. Aber ist ja für jeden anders.

Scheint auf jeden Fall gut zu funktionieren. Würdest du das auch machen?

V: Ja.

So einen Podcast mit deiner Frau?

V: Ach so, nein. Ich dachte, du meinst jetzt eine Paartheraphie.

Ja, das kann ja immer nützlich sein. Apropos Therapie. Magst du eigentlich Karneval? (alle lachen). Sorry, die Frage steht hier. Du bist doch bestimmt ne richtige kölsche Jeck?

V: Ist das so? Ist das eine Frage oder eine Aussage?

Du wohnst in Düsseldorf, aber warst/bist auch viel in Köln unterwegs.

V: Bin ich auch immer noch. Früher war ich ganz oft da. Ich habe auch zwei Köln-Tattoos und nur eins aus Düsseldorf.

Stimmt, ich erinnere mich. Das hast du mir mal gezeigt. Die Lampen von der Domplatte. Das finde ich herrlich.

V: Und die Mülleimer, nicht zu vergessen…Ich mag Köln sehr, sehr gerne, habe so viel wichtige Freunde kennengelernt, soviel erlebt, dass ich die Stadt mehr liebe als Düsseldorf. In Düsseldorf mag ich auch hauptsächlich die Menschen, also die die ich mag, die Stadt selbst ist mir nicht so wichtig. Den Karneval habe ich früher leidenschaftlich gehasst, gerade als Skater auf der Domplatte wo dann immer wieder diese angeheiterten Leute rumliefen. Heute habe ich dazu einen anderen Bezug. Ich arbeite im sozialen Bereich und da wird das auch gefeiert und es macht dann auch Spaß.

Da verkleidest du dich auch?

V: Ja, da mache ich alles mit. Es kommt auf die Menschen an. Draußen im Blaumann mit Herzchen auf der Backe besoffen rumlaufen, sowas brauche ich auch jetzt nicht.

Vielen geht es auch nur ums Saufen und Abschleppen. Keiner kann mehr die Lieder richtig singen. Du?

V: Ich mag schon diese alten Lieder. Diese deutsche Art von Schlager darf Köln noch machen… Das hat ein bisschen Seele und Herz, das ist für mich ok. In Köln kann ich dieser Herzlichkeit einen abgewinnen. In Düsseldorf habe ich da jetzt nicht so eine Verbindung.

Warum bist du überhaupt in Düsseldorf gelandet?

V: Durch meine Eltern. Wir sind damals dahin hingezogen. Ist aber auch ok.

Gibt es überhaupt noch Skater auf der Domplatte?

V: Das ist schon lange verboten.

Immer wieder unfassbar, dass man nicht über die Philharmonie laufen darf, wenn da ein Konzert ist. Typisch kölsche Fehlkonstruktion (Zur Erklärung, s. Bild rechts).

Jecke Kultur am Rhein

V: Immerhin noch etwas Kultur. In Düsseldorf hast du nur noch die Neverending-Junggesellen-Abschiede. Ich merke das immer, wenn ich aus anderen Städten zurückkomme. Kulturell ist Düsseldorf am Arsch. Das ist eine Stadt für 60-jährige CDU-Wähler.

Und auf der Kö ist auch nichts mehr los.

V: Da ist noch nicht mal mehr richtiger Bling-Bling. Wenn es da wenigsten richtige Bonzen-Läden geben würde, könnte man da mal glotzen gehen. Aber es ist nur so Alt-Oma-Scheiß.

Es gibt auch keine Proberäume mehr, keine bezahlbaren Kunstgalerien. Die ganzen Punkschuppen in der Altstadt gibt es nicht mehr. Das ist alles weg. Es gibt höchstens noch ein oder zwei Spots, wo noch etwas passiert.

Haben du und deine Frau denn schon mal überlegt wegzuziehen?

V: Ja. Hamburg wäre super. Köln war schon immer eine Option, aber weil ich da eh so oft war, ist es auch egal, ob ich da jetzt wohne oder nicht.

Kann man sich nur nicht mehr so einfach leisten.

V: Jetzt wahrscheinlich eher ins Randgebiet. Irgendein kleines Hexenhäuschen, wo man aber immer noch gut in die Stadt kommt.

Landleben kannst du dir also auch vorstellen? 

V: Das kommt immer ein bisschen darauf an. Wenn ich gestresst oder in meiner Hippie-Phase bin, dann kann ich mir das gut vorstellen. Wenn ich samstags dann aber auf einem Dorfplatz sitze und weiß, ich habe da jetzt nur einen Kiosk und sonst Leere, dann fällt mir das schwer.

Was war deine erste Liebe?

V: Ich habe ja ein Tattoo auf der Brust, „First Love“, das steht fürs Skateboard fahren, also ja, das war meine erste große Liebe. Aber sonst würde ich natürlich immer Menschen vorziehen. Ich glaube das erste Mal verheiratet war ich mit sieben Jahren, in Berlin. Da haben wir im Garten geheiratet, so richtig mit Schleier und Zylinder. Ich weiß noch, wir wollten uns dann auch die ganze Zeit küssen. Ich komme aus Adlershof und da sind wir mega lang draußen rumgelaufen, um den richtigen Spot zum Küssen zu finden. Wir dachten irgendwie, das wäre verboten, und dann haben wir uns endlich an meiner alten Schule im Gebüsch kurz geküsst. Hat aber echt fast den ganzen Tag gedauert.

Sehr schön. Besuchst du diesen Ort auch heute noch?

V: Ja, und küsse mich selbst dort. Nein, ich glaube, die Schule gibt es schon noch, aber den Kuss-Spot, weiß ich nicht.

Und wie hieß sie?

V: Ich glaube Katja. Ich bin mir aber nicht ganz sicher. Ich weiß auf jeden Fall, dass sie meiner heutigen Frau ähnelt. Ich hatte sie später noch mal getroffen, so mit 20 Jahren, weil unsere Eltern befreundet waren und da hatte sie so einen Heavy Metal-Freund. Da musste ich mit denen auch noch in einem Zimmer schlafen. Das war ein bisschen komisch.

Wann seid ihr nach Berlin gezogen?

V: Ich bin hier geboren.

Kommst du denn gerne hierhin?

V: Ich bin gerne hier, aber habe irgendwann damit aufgehört, daraus eine romantische Sache zu machen. Ich komme schon gerne nach Adlershof, habe aber auch gemerkt, dass man sich die Erinnerungen kaputt macht. Mein alter Eisladen, da ist jetzt ein Erotik-Kino drinnen. Ich bin schon ein nostalgischer Romantiker, es ist nicht immer gut, wenn sich alles so verändert. Meine Verwandtschaft wohnt noch in Frankfurt Oder, da sieht alles noch so schön aus wie früher (lacht). Bis auf die ganzen Shopping Malls. Früher bin ich an meinem Geburtstag immer zu alten Orten gefahren, und habe da alles abgelaufen. Das habe ich in Berlin auch gemacht, ohne Schlafplatz. Ich habe dann in Adlershof auf irgendeiner Laderampe im Rewe hinten gepennt. Schön an meinem Geburtstag mit zwei Dosenbier und Joint. Morgens um 4 Uhr wirst du dann von den Scheinwerfern irgendwelcher LKWs geweckt und da war es dann doch vorbei mit der nostalgischen Romantik.

Reicht dann mit der Nostalgie. Wenn du ins Restaurant gehst, sitzt du lieber gegenüber oder nebeneinander?

V: Jetzt so ganz klassisch zum Unterhalten, gegenüber. Sonst auch gerne übers Eck, damit man mal kuscheln kann. Nebeneinander mag ich aber auch mit meiner Frau sitzen, weil es irgendwie ganz süß ist. Das hat auch was Gemeinschaftliches, ähnlich wie miteinander Schweigen können. Wir fühlen uns so nah, dass wir beide auch einfach mal nebeneinander in die Runde gucken können. Ich werde nach dem Essen auch immer kuschelig, weil ich dann so träge werde.

Wird es im Alter schwieriger mit Freundschaften?

V: Wenn du mit 20 Jahren intensive und schwierige Sachen erlebst hast, dann schweißt das zusammen. Wenn du später mit 30 Jahren nur Brettspiele und Rotwein hast, dann ist es natürlich schwieriger, so eine tiefe Beziehung aufzubauen. Ich will mich da nicht drüber stellen, aber du bekommst, was du verdienst. Wenn du Mucke machst, dann findest du auch Freunde, mit denen du die Socken tauschen kannst.

Enttäuschungen kann es dabei aber auch geben.

V: Enttäuscht kannst du so oder so werden. Aber es ist doch immer besser, von etwas enttäuscht zu werden, das vorher mal leidenschaftlich war. Als wenn es von Anfang an egal oder beiläufig ist. Eine Rotwein-Brettspiel-Enttäuschung enttäuscht mehr von der Sache an sich, aber keine Ahnung ich mach ja sowas nicht.

Gute Freunde müssen nicht mehr in der gleichen Stadt wohnen.

V: Eben, das gibt es ja nicht mehr so oft, wie früher. Einfach beim Kumpel klingeln und rumhängen. Dieses Spontane lässt nach. Wenn du in einer Beziehung bist, dann gibt es andere Prioritäten. Daran würde ich jetzt aber nie verzweifeln, weil es einfach eine Entwicklung ist.

Viele schotten sich in einer Beziehung oder mit Familie auch sehr ab…

V: Da sind manche vielleicht nicht mehr so spontan. Ich gönne mir ab und zu mal einen Tag und mache blau. So, wie man das früher in der Schulzeit getan hat. Einfach morgens aufstehen und gar nichts planen. Schritt für Schritt den Tag genießen, selbst wenn man am Ende nicht viel gemacht hat. Ich liebe das. Wenn man sich noch gut selbst verwöhnen und genießen kann. Hose aus und einfach den Tag laufen lassen. Dann denkst du auch nicht, Fuck, ich habe den ganzen Tag verloren. Das ist auch noch mal anders als den ganzen Tag bei Instagram abzuhängen.

Hauptsache Hose aus…

V: Und Socken. Ich mag keine Socken.

Welche Mahlzeit macht dich denn so richtig glücklich?

V: Ich esse am liebsten abends. Ich esse meistens bis in den Schlaf hinein.

Da würden sich jetzt einige Ernährungsberater aber sofort bei dir melden.

V: Ich merke auch, wenn ich mittags richtig gut esse und abends nichts mehr, dann schlafe ich viel besser. Ich ernähre mich auch mal bewusst, bin aber oft ignorant. Ich habe schon mal gefastet. Ich war auch ein paar Jahre Vegetarier. In Korea habe ich jetzt mal eine Ausnahme gemacht, sonst esse ich eher kaum Fleisch. Zu Hause kochen wir oft vegan.

Ohne Ben & Jerry‘s oder Yogurette geht es aber auch nicht. Das bricht dann einfach aus.

Süßes muss also sein.

V: Das fällt mir schon sehr schwer, ja.

(Es folgt eine kurze Raucherpause und danach wurde nur noch über Essen und Süßigkeiten gesprochen.)

Lieblingsgericht aus der Kindheit?

V: Verlorene Eier.

Das sind Senfeier?

V: Mit Kapern, wobei ich die nie mit gegessen habe.

Wer hat das gekocht?

V: Mutter oder Oma.

Pizza oder Burger?

V: Pizza.

Gehst du auch noch in so komische Gammel-Buden essen?

V: Was sind Gammel-Buden?

Diese großen Ketten.

V: Mäckes oder so? Nur als totaler Ignoranz-Move. Sehr selten, als bewusster Pöbel-Move, im Sinne von jetzt mach ich mal was Trashiges.

Da fällt einem aber auch was Besseres ein, oder?

V: Klar, Heroin vertrage ich aber nicht so gut. Nein, ich weiß, das ist schon eine eklige Angewohnheit.

Auf Tour an irgendwelchen Raststätten gibt es oft auch nichts Besseres.

V: Da hole ich mir an Tankstellen dann diese Geflügelrollen. Ich finde das aber schon gut, einmal bewusst Scheiße essen.

Aber das schmeckt doch nicht?!

V: In dem einen Moment schon. Ich bin Ossi.

Ihr hattet das damals nicht. Ich weiß. Aber ich falle ja auch ab und zu noch auf diese Fertigprodukte rein. Dann probiere ich doch noch mal eine Tiefkühlpizza und ich ärgere mich danach immer sehr. Spätestens wenn mein Gaumen anschwillt. Ich vertrage den Kack nicht mehr, und gerade in Berlin kannst du auswärts immer gut und günstig essen.

V: Meine erste Küche früher bestand aus einem Holzstuhl und einer Mikrowelle. Später hatte ich die Küche von meinen Eltern, aber damals habe ich mir sehr oft Tiefkühlpizza in der Mikrowelle gemacht. Ich habe darin aber auch oft das Katzenfutter reingestellt, damit die Katzen nicht dran gehen und ich keinen erhöhten Schrank oder sowas hatte. Das habe ich einmal vercheckt und ich mache die Mikrowelle an, die Aludose platzt und die Glasplatte zersplittert. Mit jeder Pizza wurden die Glasstücke weniger und der Backeffekt ließ auch nach.

Das klingt aber nicht gut. Halb rohe Pizza mit Glas…

V: Ist doch ein Foodblog hier? Jetzt erfährst du mal was von ganz unten. Nicht immer so elitäres Zeug, was deine anderen Gäste von sich geben. (lacht). Das war damals der Tiefpunkt. Jetzt bin ich ein kultivierter Feinschmecker.

Vor allem Süßes ist deine große Leidenschaft!

V: Ich bin ein klassischer Rosa-Esser.

Was heißt das?

V: Alles was sahnig-weiß und rosa-süß schmeckt.

Ach, so Sahne-Erdbeer-Zeug?

V: Genau. Strawberry Cheesecake, Erdbeermilch, … Ich mag kein Nougat. Ich mag keine Lakritze. Ich mag kein Edelherb oder Zartbitter.

Marzipan?

V: Als Rest auf dem Weihnachtsteller wird es dann auch noch gegessen. Aber gerade das mag ich nicht.

Du magst eher das richtig fiese Zeug?

V: Nein. Hallo?! Ich mag den klassischen Kinderkram.

Ja, diese klebrigen Erdbeeren. Diesen Weingummi, der in den Zähnen kleben bleibt?!

V: Genau. Mein Willkommensgeschenk von meinem lieben Gastgeber hier sind Oreo Strawberry Cheescake.

Das ist schon pervers, erinnert an Erdbeerkäse (lacht).

V: Nein, das ist doch ganz klassisch. Ich mag auch Hanuta, Duplo, Toffifee…

Ja, das ist schon eher klassisch und nach meinem Geschmack.

V: Es muss ja auch nicht unbedingt mit Erdbeere sein. Das ist nur eine Metapher, ich bin schließlich Künstler, aber eben diese klassischen Süßigkeiten aus der Kindheit. Da isst man doch keine Edelherbe-Marzipan-Schokolade.

Auf jeden Fall streiten wir uns nicht um die Süßigkeiten-Teller. Letzte Frage: Musik und Essen passen zusammen, wie…

V: Essen und dabei Musik hören.

Oder passt das überhaupt zusammen?

Ja, weil es leidenschaftlich ist. Weil es Spaß macht, weil es exzessiv ist.

Ich bedanke mich für dieses köstliche Gespräch und esse jetzt eine Ritter Sport Marzipan!

Bildquellen

  • spätstück_vier gewinnt: Bildrechte beim Autor
  • treffpunkt_kreuzberg: Bildrechte beim Autor
  • warum muss ich mich eigentlich auch maskieren: credit by krentzman
  • rosa_suess: Bildrechte beim Autor

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